Mit 68 Jahren wieder die Schulbank drücken | Bestswiss

Mit 68 Jahren wieder die Schulbank drücken

Nach der Pensionierung wieder zurück in die Schule? Aber sicher! In verschiedenen Deutschschweizer Kantonen leisten Seniorinnen und Senioren freiwillige Einsätze in Schulklassen und unterstützen Kinder sowie Lehrpersonen mit viel Geduld, Zeit und Lebenserfahrung. Margrit Hofstetter-Dängeli aus dem luzernischen Entlebuch ist eine von ihnen.

Es ist Donnerstagmorgen, 8 Uhr. Gewusel herrscht auf dem Schulhausplatz. Die Schulglocke schrillt, Kinder stürmen herein. „Good morning“, wird Margrit Hofstetter-Dängeli von jedem einzelnen Kind begrüsst. Allerdings ist sie nicht die Lehrerin dieser dritten Klasse in Entlebuch. Die 68-Jährige ist „Seniorin im Klassenzimmer“.

Seniorin Margrit Hofstetter, Entlebuch

Zeit und Vertrauen schenken

Nach der Pensionierung wieder zurück in die Schule, an den Ort, wo man selbst einmal gesessen und gelernt hat, wo sich einst die Weichen für die eigene Zukunft stellten – für viele undenkbar. Nicht so für Margrit Hofstetter. „Ich ging immer gern in die Schule, wollte sogar Lehrerin werden“, erzählt die Seniorin aus Entlebuch. Aus dem Lehrberuf wurde zwar nichts, aber heute kann sie durch das Angebot „Seniorinnen und Senioren im Klassenzimmer“ der kantonalen Dienststelle Volksschulbildung in Zusammenarbeit mit der Pro Senectute ihre Freude an der Arbeit mit Kindern entfalten. Seit dem Sommer 2018 ist sie einmal pro Woche während zwei Englischlektionen einer dritten Primarschulklasse dabei. Fragen beantworten, etwas nochmal in Ruhe erklären, auch mal Material wegräumen – sie ist da, wenn sie gebraucht wird.

Für die Kinder ist die Seniorin im Klassenzimmer eine grosse Bereicherung. Sie schenkt ihnen Zeit, Präsenz und Aufmerksamkeit, die Kinder geben ihr dafür Vertrauen und Freude zurück – die Rechnung geht auf. Ohne die geringsten Berührungsängste seien die Schüler in der ersten Stunde direkt auf sie zugekommen, erinnert sich Margrit Hofstetter. „Sogar ein Willkommensschild haben sie für mich gemalt!“, lacht sie. Genau von diesem gegenseitigen Geben und Nehmen zwischen Generationen lebt das Angebot.

Jung bleiben

In der Englischstunde an diesem Donnerstag dreht sich alles um das Thema „Häuser“. Wie heissen die verschiedenen Räume und Möbelstücke auf Englisch? Was für Häuser gibt es überhaupt und woraus sind sie gebaut? Beim Spiel zum Einstieg macht auch Margrit Hofstetter mit, danach setzt sie sich kurzerhand mit den Kindern in einen Kreis auf den Boden. Die Seniorin ist sich für nichts zu schade, macht überall mit und punktet bei den Kindern durch ihre Geduld, Offenheit und ihren Sinn für Humor. „Sie ist echt cool“, lautet einstimmig der Tenor der Drittklässler. Tatsächlich scheint das Wort „Seniorin“ für Margrit Hofstetter nicht wirklich passend. Die 68-Jährige ist aktiv, macht viel Sport und verbringt gerne Zeit im Garten. Ihre frische, positive Art steckt an. Ihr Lebenslauf zeugt von Weltoffenheit und Bereitschaft für neue Herausforderungen: Bereits in jungen Jahren unternahm die gelernte Kauffrau Sprachreisen nach England, Frankreich und Italien – ein nicht selbstverständliches und mutiges Unterfangen zu der Zeit. Ausserdem war Margrit Hofstetter politisch engagiert und kandidierte 1995 sogar als Sozialvorsteherin für den Gemeinderat Entlebuch. Schon immer suchte sie den Austausch mit Menschen und den Dialog mit verschiedenen Kulturen, Altersklassen und Ansichten.

Auch jetzt, nach der Pensionierung, ist sie stets offen für neue Projekte. Auf ein Zeitungsinserat für „Seniorinnen und Senioren im Klassenzimmer“ in Entlebuch meldete sie sich sofort. Den Entscheid hat sie nicht bereut: „Die Arbeit mit den Kindern ist extrem spannend und eröffnet mir eine ganz neue Sicht auf die Dinge. Es ist faszinierend, wie Kinder die Welt erleben.“

Freundschaft schliessen

Wird sie auch in Zukunft noch in Entlebucher Klassenzimmern aktiv sein? „Auf jeden Fall“, strahlt Margrit Hofstetter. „Ich möchte das gerne noch lange machen!“ Es muss auch nicht beim Schulfach Englisch bleiben: Andere Sprachen, Mathematik oder Natur/Mensch/Gesellschaft interessieren sie ebenfalls. „Ich bin für vieles offen.“ Bei einem Fach kann sie sich die Tätigkeit im Schulzimmer allerdings nicht vorstellen: „Zeichnen! Das kann ich einfach nicht.“

Momentan ist in Entlebuch nur noch eine weitere Seniorin im Klassenzimmer im Einsatz. „Es ist schade, sind es nicht mehr. Man erlebt so viel Wertschätzung und macht tolle Erfahrungen“, sagt Margrit Hofstetter. Und natürlich würden einem die Kinder auch ans Herz wachsen. Dies beruht auf Gegenseitigkeit. Die Kinder verbringen gerne Zeit mit der Seniorin, die wöchentliche Englischstunde mit ihr ist etwas Besonderes. Oft kommen sie zu ihr, um ihr etwas Privates zu erzählen oder mit viel Stolz ihre guten Noten zu zeigen. „Sie ist so nett und lustig“, schwärmt ein Mädchen. Ein Junge fügt beinahe andächtig hinzu: „Ich freue mich auf jeden Donnerstag, wenn sie zu uns kommt.“

Miteinander und voneinander lernen, einander unterstützen, Erfolge teilen, auch Fehler machen dürfen und sich gegenseitig Respekt entgegenbringen – so geht Schule. „Seniorinnen und Senioren im Klassenzimmer“ fördert Werte, die über Rechtschreibung und Einmaleins hinausgehen. Werte von Dauer, die in unserer schnelllebigen Zeit von enormer Bedeutung sind und ein erfolgreiches Zusammenleben erst möglich machen.

Mehr Informationen zum Projekt „Generationen im Klassenzimmer“ in den verschiedenen Kantonen unter: https://www.intergeneration.ch/de/generationen-im-klassenzimmer

Text: Nathalie Emmenegger, Bestswiss

Der Artikel entstand im Rahmen der Entlebucher Brattig 2020 zum Thema „Über Brücken“.

Newsletter

Einmal wöchentlich erscheint unser Newsletter mit handverlesenen Inhalten. Das Beste direkt in Ihrer Mailbox.



An einen Freund senden