Fischerei – Konsum von Fisch und die Folgen

2006 kamen europäische und amerikanische Wissenschaftler in einer Studie zum Schluss, dass es 2048 keine kommerziell nutzbaren Fischbestände mehr gibt, wenn im gleichen Ausmass wie bis anhin Fische gefangen und konsumiert werden.

Unser Konsum von Fisch und die Folgen


Bei einer solch dramatischen Vorhersage stellen sich gut zehn Jahre später verschiedene Fragen: Hat sich die Prognose in die erwartete Richtung entwickelt? Welches sind die Ursachen des Fischsterbens und welche Möglichkeiten hat man als Konsumentin bzw. als Konsument, um dem Negativszenario entgegenwirken? Aktuell ist der Konsum von Fisch in der Schweiz sogar steigend, der Detailhandel verkaufte 2017 im Vergleich zum Vorjahr ein Prozent mehr Fisch und Meeresfrüchte. Über 96 Prozent des Angebots an Frischfisch im Schweizer Detailhandel und im Bereich der Gastronomie werden importiert. Von einem bewusst reduzierten Konsum beziehungsweise einem geänderten Konsumverhalten sind wir also weit entfernt. Damit sind wir ein Teil der Ursache, die zur Überfischung führt: Konsumieren wir weiterhin unreflektiert in steigendem Ausmass Fisch und andere Meerestiere, führt dies zu einem Fischfang, der das Meer als Lebensraum und dessen Bewohner zerstört.

Kleinfischer in Senegal – nachhaltiger Fisch

Bild: Heinzpeter Studer, Fair-Fish, Kleinfischer Senegal

Überfischung und rücksichtslose Fangmethoden in der industriellen Fischerei
Um sich dem steigenden Bedarf anzupassen, muss die Fischindustrie grosse Mengen an Fisch liefern, was dazu führt, dass heute über die Hälfte der Fischbestände überfischt sind, dass also mehr Fisch gefangen wird, als natürlich nachwachsen kann. Gearbeitet wird dabei mit modernen Fangmethoden: Die Hochseefischer setzen riesige Schleppnetze und bis zu 100 Kilometer lange Langleinen ein oder reissen die Fische aus immer grösseren Tiefen empor. Solche Methoden sind in der Regel für die Fische ausgesprochen qualvoll, weil diese oft noch lange lebendig in den Netzen zappeln, abgesehen davon, dass dabei auch sehr viel Beifang entsteht. Konkret heisst das, dass je nach Fangmethode bis zu 80 Prozent des Fischfangs Beifang sein können. Dabei handelt es sich um Meerestiere, die weder verkauft noch anderweitig verwendet werden können, da die Schiffe nur auf die Verarbeitung weniger Arten spezialisiert sind. Der unbrauchbare Beifang wird dann meist wieder ins Meer geworfen. Hinzu kommt noch die illegale Hochseefischerei, die keine Rücksicht auf Regelungen zum Erhalt der Fischbestände nimmt und bedrohte Fischarten illegal fängt. Es gibt aber noch weitere Faktoren, die nicht direkt mit dem Fischfang zusammenhängen: Auch die Umweltbelastung aufgrund der Bevölkerungszunahme in Küstengebieten und die ungenügende Entsorgung von industriellen Abfällen und Abwässern sorgen dafür, dass es immer weniger Fische gibt. Zudem wird durch den Eingriff der Menschen immer mehr mariner Lebensraum zerstört. Dazu kommt, dass auch der Klimawandel negative Auswirkungen auf den Fischbestand hat. Des weiteren wird die komplexe Nahrungskette im Meer durch Veränderungen des Fischbestands in ein Ungleichgewicht gebracht, was unvorhersehbare Folgen mit sich bringen kann.

Nachhaltige Fischerei

Damit man Fisch aus nachhaltiger Fischerei auch erkennt, wurden verschiedenste Labels gegründet. Eines der ältesten in diesem Bereich ist das Dolphin-Safe-Label, das sich gegen den Beifang von Delphinen einsetzt. Die bekanntesten Labels sind aber wohl die Gütesiegel MSC (Master Stewardship Council) und ASC (Aquaculture Stewardship Council). Beide wurden in Zusammenarbeit mit dem WWF gegründet; das Label MSC zertifiziert weltweit Wildfänge und das ASC-Gütesiegel Zuchtfische. Leider ist auch mit diesen Labels die Nachhaltigkeit noch nicht garantiert, bei MSC sind etwa Standard- und Zertifizierungsanforderungen teils unklar und lassen deshalb Ausnahmen zu. Dadurch landen auch immer wieder gefährdete Fische aus bedrohten Beständen auf dem Teller. Ein weiteres Label, das für einen nachhaltigen Fischfang steht, ist „Friend of the Sea“. Mehr als die Hälfte der von „Friend of the Sea“-zertifizierten Fischereien werden nicht industriell, sondern handwerklich betrieben und viele davon befinden sich in Entwicklungsländern. Damit gewährt „Friend of the Sea“ auch kleineren Fischereibetrieben Zugang zum Label, dies ist beim MSC-Label aufgrund von sehr komplizierten Zertifizierungsverfahren oft nicht der Fall. Ein weiteres, bis jetzt noch nicht auf dem Markt vertretenes Label, stammt vom Verein „fair-fish“ mit Sitz in der Schweiz. Es setzt die höchsten Standards und berücksichtigt nebst der Nachhaltigkeit auch den Tierschutz und den fairen Handel. Wegen der hohen Standards war bisher kein Anbieter auf dem Markt bereit, „fair-fish“ als Label zu führen. 2006 bis 2010 exisitierte bereits ein Fair-Fish-Projekt in Senegal, das allerdings eingestellt werden musste, weil kein Partner auf dem europäischen Markt mit anpacken wollte. Eine weitere Problematik ist, dass mit dem nachhaltigen Fischen die hohe Nachfrage nach Fisch noch weniger befriedigt werden kann als zuvor, da man die Fischbestände ja schonen müsste. Die Ausbeutungsrate ist zwar in Europa und in den USA leicht zurückgegangen – teils gibt es sogar Anzeichen für eine Erholung –, dafür werden nun die Fischbestände ärmerer Länder und die Hochsee um so stärker belastet. In besagten Ländern stehen oftmals nicht die nötigen Mittel zur Verfügung, um die Umsetzung und Überwachung von Vorschriften garantieren zu können. Fatal ist in diesem Kontext auch, dass die Bewohnerinnen und Bewohner dieser Länder sehr stark von der Fischerei als Ressource abhängig sind. Gefischt wird hier aber oftmals für uns in Europa oder für die USA, und der Fang wird nicht einmal im Herkunftsland verarbeitet. Dadurch werden nicht nur die Fischbestände zunehmend bedroht, es gehen auch viele Arbeitsplätze und die dazugehörige Wertschöpfungskette verloren. Da die Fischerei für viele Menschen in den entsprechenden Staaten die Existenzgrundlage bildet, ist die Migration für viele der einzige Ausweg.

Biofischzucht Nadler Rohr – nachhaltiger Fisch

Bild: Heinzpeter Studer, Fair-Fish, Biofischzucht Nadler Rohr

Zuchtfische als Lösung?
Wenn man die natürlichen Bestände schonen muss, scheint die Fischzucht auf den ersten Blick eine optimale Lösung zu sein. Doch bei genauerem Hinsehen stellt man schnell fest, dass auch die Zucht noch keine nachhaltige Alternative bietet. Ein grosses Problem ist, dass die artgerechte Haltung selbst in Betrieben, die das Fischwohl respektieren, noch nicht garantiert werden kann, da sie bei vielen Arten noch kaum erforscht ist. Wenn hier in die Forschung investiert wird und Projekte zur artgerechten Haltung umgesetzt werden, kann sich dies in Zukunft ändern und die Zucht kann zur Lösung des Problems beitragen (siehe auch Forschungsprojekt www.fishethobase.net). Bedenklich ist ferner, dass vielen Fischen aus der Zuchthaltung Chemikalien und Arzneistoffe verabreicht werden, um Krankheiten zu bekämpfen, die sich bei der unnatürlichen Menge der Fische auf engem Raum rasch ausbreiten können. Das grösste Problem mit der Nachhaltigkeit hat die Fischzucht momentan aber noch im Bereich der Fütterung: Viele der beliebten Zuchtfischarten werden mit Fischmehl und Fischöl aus Wildfang gefüttert, wodurch die Überfischung weiter gefördert wird. Eine einfache Lösung für dieses Problem wäre, dass man nur noch Friedfische züchten würde, die sich nicht wie Raubfische von anderen Fischen ernähren. Leider sind solche Fischarten, wie beispielsweise der Karpfen, in Europa als Speisefisch eher unbeliebt. Um Raubfische nachhaltig züchten zu können, müssen alternative Futtermethoden wie etwa Fliegenlarven erprobt werden. Pflanzliche Futtermittel sind nur dann eine sinnvolle Alternative, wenn wir damit nicht unsere eigene Ernährung konkurrieren. Ausserhalb der Schweiz sind die Rodung von Mangroven und Regenwäldern für Zuchtteiche und den Anbau von Soja weitere Folgen der Fischzucht. Zudem benötigen die teils riesigen Aquakulturen in Ländern wie beispielsweise Sri Lanka Unmengen an Land. Die lokale Bevölkerung wird vertrieben, damit die Felder der Bauern in Fischzuchten umgewandelt werden können. Die Arbeitsbedingungen in solchen Betrieben sind oft sehr schlecht und die Produkte zudem meist für den Export bestimmt – auch im Zuchtbereich führt unser massiver Fischkonsum also zur Ausbeutung ärmerer Länder.

Massvoller Fischkonsum
Es gibt keine optimale Lösung, wenn man regelmässig Fisch konsumieren will. Aufgrund der bisherigen Ausbeutung ist eine Einschränkung des Konsums notwendig. Wenn man der akuten Gefährdung entgegenwirken will, sollte man konsequenterweise gar keinen Fisch mehr essen. Wenn dies keine Option ist und der Genuss von Fisch und Meerestieren unverzichtbar zu sein scheint, sollte man bemüht sein, Meerestiere für zukünftige Generationen zu erhalten. Dies ist nur möglich, wenn man sich einschränkt und die wichtigste Regel beachtet: nicht mehr Fisch essen, als der Planet uns geben kann. Konkret heisst das, dass man nur einmal pro Monat eine Mahlzeit mit Fisch zubereitet. Um den monatlichen Konsum nachhaltig gestalten zu können, gibt es mittlerweile etliche Ratgeber. Denn wie oben erwähnt, kann auch durch den ausschliesslichen Verzehr von Zuchtfisch oder den Einkauf von Label-Produkten ein nachhaltiger Konsum nicht garantiert werden. Mit den Ratgebern kann man sich über die Fischart, das Label, die Fangmethoden sowie den Fangort informieren und somit herausfinden, ob man eine gute oder eine schlechte Wahl trifft. Oder man schaut sich bei seinem bevorzugten Fisch die Empfehlungen an und kauft dementsprechend ein. Zu diesem Zweck gibt es mehrere Gratis-Apps, wie etwa die App von „Friend of the Sea“ mit ihren zertifizierten Produkten und Restaurants, oder die Ratgeber von WWF und Greenpeace.

 

http://www.fair-fish.ch
http://www.oceancare.org
http://www.friendofthesea.org
http://www.wwf.ch/de/nachhaltig-leben/ratgeber-fische-meeresfruechte

 

Mehr über nachhaltig leben

Text: Lukas Utiger, Bestswiss

 

 

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